Theater Wien

Das "N" Wort: Zwischen Anpassung und Rebellion

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Die Bühne des Theaters Drachengasse ist mit riesigen Pflanzen und Projektionen von Vögeln geschmückt. Tiergeräusche erklingen im Hintergrund. Man befindet sich mitten im Dschungel und damit in einem Theaterstück innerhalb des Theaterstücks. Auf der Bühne sieht man Autor Eugene O'Neill, der für die Inszenierung seines Werks „The Emperor Jones“ den Schwarzen Schauspieler Charles S. Gilpin engagiert. Er soll die Hauptrolle des Brutus Jones übernehmen. Gemeinsam wollen sie zeigen, wie Jones, ein Mann aus einfachen Verhältnissen, zum Kaiser einer westindischen Insel aufsteigt.

Die Story klingt simpel, doch die Umstände sind schwierig, denn die Geschichte spielt sich in den 1920er-Jahren in New York ab. Gilpin ist der erste Schwarze Schauspieler, der die Bühnenbretter des Broadways betreten soll – allerdings muss er Kompromisse eingehen. Denn das Skript des noch recht unbekannten Eugene O'Neill ist gefüllt mit Stereotypen über Schwarze. An mehreren Stellen kommt sogar das N-Wort vor. 

Obwohl sich Gilpin dagegen sträubt, willigt er vorerst ein, um so den Weg für Schwarze Schauspieler:innen aus den Minstrel-Shows zu ebnen. "Sie nennen uns N, weil sie denken, dass wir einander so nennen, aber ich kann das in Ordnung bringen", rechtfertigt sich Charles bei seiner Frau Florence, doch diese rät ihm davon ab - "sag die Zeilen, die er geschrieben hat", lautet ihr Rat. Er solle seine Arbeit so erledigen, wie verlangt wird, schließlich will sie, dass Charles seinen Job behält. Pro Woche bekommt er für seine schauspielerischen Leistungen 50 Dollar.

Unüberwindbare Kluft

Als Charles S. Gilpin und Eugene O'Neill mit "Emperor Jones" der Durchbruch gelingt, ist die Kluft zwischen den beiden Männern unüberwindbar: Rassismus, Klassenunterschiede, Ungleichbehandlung treiben sie auseinander. Während O'Neill darauf besteht, dass er Brutus Jones kreiert hat (basierend auf seiner Meinung über Schwarze Menschen), ist Gilpin überzeugt, der Figur eine Seele eingehaucht zu haben. 

O'Neills herablassende Haltung gegenüber Gilpin wird in einigen Dialogen deutlich: Beispielsweise wünscht er sich, Gilpin in einem Shakespeare-Stück zu sehen. Als dieser jedoch Othello zitiert, ist O'Neill sichtlich darüber schockiert, dass ein Schwarzer den englischen Dichter überhaupt kennt. In diesem Moment scheint der Groschen bei Gilpin endgültig gefallen zu sein: Für O'Neill wird er nie mehr sein als der Schwarze Schauspieler, dem er zu Ruhm verholfen hat.

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Tiefgang und bitterer Nachgeschmack

Das Stück wird durch die Performance von Gilpin (Randall Galera) lebendig: Seine Entwicklung vom selbstsicheren Kaiser auf der Bühne zum verbitterten, arbeitslosen Schauspieler, der sich nicht an die Regeln des Drehbuchautors gehalten hat, zeugt von einer brillanten Leistung. 

Auch die Dynamik zwischen Gilpin und O'Neill (Pete Steele) ist fesselnd und gleichzeitig berührend, die Emotionen authentisch. Steeles Ausbruch, als er sein Werk und seine White Supremacy rechtfertigt, ist mitreißend. Ebenso überzeugt Lynne Ann Williams als Florence mit ihrer sanften und klugen Art. 

Die Rolle der Frau hätte dabei aber durchaus mehr ausgebaut werden können. Beispielsweise hätte das Stück auch auf das schwere Leben von Schwarzen Frauen eingehen können. Oder es hätte beleuchten können, wie sie damit umgeht, quasi im Schatten eines erfolgreichen Mannes zu leben.

Innovative Umsetzung im Theater Drachengasse

Ein Theaterstück, das sich um ein Theaterstück dreht, auf die Bühne zu bringen, ist eine Kunst für sich. Diese Umsetzung ist der in Wien lebenden britischen Regisseurin Joanna Godwin-Seidl jedoch gelungen. Für das Drama von Adrienne Pender hat Godwin-Seidl die Bühne innovativ genutzt: Ein Bild im Bild sozusagen – ein Tisch und ein Sessel stehen symbolisch für Gilpins Wohnzimmer, die riesigen Pflanzen als Bühnenbild von "The Emperor Jones". Das Scheinwerferlicht begleitet die Zuschauer:innen immer in die Szene hinein.

Für das knapp eineinhalbstündige Stück wurden schwere Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Ungleichbehandlung greifbar aufgearbeitet. Dennoch hätte die Rolle der Frau etwas mehr Platz verdient. Der volle Saal und mehrfacher Applaus zeugen allerdings vom schauspielerischen Können der drei Darsteller:innen, die das Publikum auf eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Lachen, Staunen, Fremdscham und Traurigkeit führten.

„N“ wird bis zum 24. Februar im Theater Drachengasse gezeigt.