Jugendstiltheater

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Kunst und Kultur im Krankenhaus

Eine schöne Vorstellung: einundsechzig Häuser und Villen; umgeben von einer schützenden Einfriedung und genährt von einer intakten Infrastruktur; eine ertragreiche Landwirtschaft mit Schweinen, Kühen und Geflügel, eine Fleischerei, eine Selcherei, eine Gärtnerei, eine Wäscherei, eine Großküche, ein Postamt, eine elektrische Zubringerbahn und eine eigene Müllverbrennungsanlage. Die Kirche und die Kegelbahn, die Tennisplätze, das Schwimmbad, den Park und die Bibliothek nicht zu vergessen. Eine eigene kleine Stadt also, am Rande einer Stadt gelegen, und doch kein Ghetto für seine Bewohner.


Ein kühnes Modell für die Behandlung Geisteskranker ist dieses Projekt " Steinhof " - so der Volksmund - fürwahr; eines, das durch Autoren wie Thomas Bernhard oder Elias Canetti sogar in die Literatur eingegangen ist. Daß es zudem aus einer Zeit stammt, die der unseren auf vielfältige Weise voraus war, erstaunt immer wieder. Als man die über 144 Hektar große Anlage zu Beginn unseres Jahrhunderts konzipierte, war das Verständnis für psychisch Kranke mindestens so entwickelt wie heute. Man mußte erst eine Reihe von Reformen hinter sich bringen, um wieder den damaligen Stand zu erreichen.


Und Niveau bewies man im Jahre 1903 nicht nur dadurch, daß man neben Carlo von Boog auch den damals schon prominenten und berühmten Architekten Otto Wagner mit der Planung der Anlage beauftragte. Seine Kirche, die "Steinhof" und den gesamten Westteil Wiens majestätisch überblickt, zählt nicht nur zu den Höhepunkten seiner Kunst, sondern gilt in der Kunstgeschichte als bedeutendster Sakralbau seiner Zeit schlechthin - wie die Pavillons überhaupt den Wiener Jugendstil auf vielfältige und originelle Weise spiegeln. Jeder einzelne von ihnen fügt sich spielerisch in die streng symetrische Einteilung des Areals und ist für sich ein Unikat. In den Villen " Leopold", "Wienerwald" oder "Austria" läßt sich die schwere Zeit des Krankseins leichter ertragen - und nicht von ungefähr war hier einst die geisteskranke Verwandtschaft des europäischen Geld- und Hochadels zu Gast.


Respekt für psychisch Kranke zeigte man darüber hinaus, indem man bei der Einweihung von "Steinhof" im sogenannten Gesellschaftshaus auch ein Theater eröffnete. Kunst und Kultur hatt für die Psychiatrie dieselbe Funktion, die sie auch für einen Kurort hat. Mit dem Jugendstiltheater - dem zehntgrößten Theaterraum Wiens - ist uns ein historisches Erbe überlassen, welches in weniger liberalen Zeiten - anfang der 30er Jahre - eingestellt wurde und anschließend fast fünfzig Jahre lang weitgehend in Funktionslosigkeit verfiel. Zuvor gab es ein reges Kulturprogramm; ein Programmzettel aus dem Jahr 1927 verweist auf die 50. Musiktheatervorstellung. Auf den Programmzetteln ist sogar ein eigenes Anstaltsorchester zitiert.


Erst ab 1979, als die Psychiatrie neue Wege der Behandlung und Öffnung einschlug, wurde das Jugendstiltheater reaktiviert und renoviert. Unsere Definition für "offene Psychiatrie" lautet unter anderem dahingehend, daß sie sich für ein Engagement anderer Geschäftsgruppen der Stadt Wien öffnet In den letzten Jahren wurde von der Geschäftsgruppe Kultur ein solches Engagement praktiziert. Seither kommen Besucher nicht nur wegen der Otto Wagner Kirche auf die Baumgartner Höhe; auch Konzert,- Opernabende locken Gäste von "draußen" in die einstmals geschlossene Anstalt.


Daß sich auf dem Programm immer wieder die Namen zeitgenössischer Komponisten finden, die sich in stilvollem Rahmen präsentieren, beweist Mut und Selbstbewußtsein. Eigenschaften übrigens, die man auch den ständigen "Bewohnern" der Baumgartner Höhe wünscht und für die man sich konsequent einsetzt. Die Patienten haben zu allen Aufführungen freien Zugang und damit die Möglichkeit zur Teilnahme am kulturellen Leben.


Viele Besucher haben das Bedürfnis, der Innenstadt und der Hektik zu entfliehen und suchen unser Kulturangebot und unser Ambiente gerne auf. Mit der Fahrt auf den Hügel, dem architektonischen Ambiente und einer Opernvorstellung läßt sogar einen Hauch "Bayreuth" verspüren. Die Stadt in der Stadt hat nicht zuletzt durch dieses Theater weit geöffnete Tore. Und von dort ist es nicht weit zu den Herzen. ( Alois Hofinger )




Erreichbar:
Mit Öffis direkt aus der Stadt erreichbar: Bus 48A ab U3 Volkstheater, U3 Ottakring, oder U6 Burggasse bzw. Thaliastraße, sowie mit Bus 47 A von U4 Unter St. Veit.