David Bennent hat in "Liberté d'action" viel zu sagen und tun.

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Heiner Goebbels lässt bei den Festwochen die Sprache tanzen

Schon vor mehr als zwanzig Jahren sei er dem Werk Michaux' (1899-1984) erstmals begegnet, erzählt Goebbels im Programmheft. "Seine Texte sind explosiv, beschwören eine Unabhängigkeit, sind auf Abgrenzung aus, sind dagegen." Um diese Charakterzüge herauszuarbeiten, hat er sich mit dem Schweizer David Bennent eine der prägnantesten Stimmen auf die Bühne geholt, die man sich vorstellen kann. Wechselweise auf Deutsch und Französisch, trägt Bennent die Zeilen mit unglaublicher Intensität und Vehemenz vor, kann aber auch bedächtig und leise die einzelnen Silben wie Perlen auf einer Schnur auffädeln.

Das Ganze passiert in einem Raum, der in erster Linie groß und weit ist: Die Bühne in der Halle E des Museumsquartiers wird zunächst von einem dunklen Nichts beherrscht. Darin sind nur die zu beiden Seiten postierten offenen Klaviere von Hermann Kretzschmar und Ueli Wiget des Ensembles Modern zu sehen sowie eine mittig, aber weiter hinten errichtete Schaltzentrale mit allerlei Gerätschaften, vor allem Mikrofonen unterschiedlichster Art. Drei verschiebbare Wandelemente treten erst später in Aktion und dienen der Einengung, aber auch der Klangerzeugung - wie so vieles an diesem Abend.

Denn während Kretzschmar und Wiget ihre Instrumente präparieren, dann wieder mit Schlegeln oder Milchaufschäumern das Innere bearbeiten, huscht Bennent wie der zurückgebliebene Cheftechniker einer großen, leer gefegten Industrieanlage von einem Platz zum nächsten, arbeitet sich an seinem Schreibtisch an unterschiedlichsten Positionen ab, während er die Zeilen Michaux' spricht. Dabei führt er "Krieg gegen die Deckengewölbe", muss Stufen erklimmen, "die wie Jahrhunderte sind" und wendet sich gegen Hindernis um Hindernis.

Ein narrativer Bogen entsteht nicht, vielmehr sind es gänzlich unterschiedliche Bilder, die Goebbels für dieses Stück ausgewählt hat. Die musikalische Entsprechung liegt lange im eher geräuschhaften Bereich, nur selten werden beide Klaviere - die Bennent im Übrigen auch mehrfach unter sichtlicher Anstrengung auf ihren mobilen Podesten über die Bühne schiebt - zur harmonischen Klangerzeugung genutzt. Es sind jene Momente, in denen das äußerst effektvoll eingesetzte Licht die Oberhand übernimmt und das Geschehen in Rot- und Blautöne taucht.

Erst durch die somit gesteigerte Intensität und das Zusammenspiel von Text, Musik und Licht entsteht eine Art Ballett, in deren Mitte sich Bennent vollends entfalten kann. Der Schauspieler weiß in dieser fast gänzlich handlungsbefreiten Welt durchaus Schwerpunkte zu setzen, die auf den nächsten Handgriff, auf den nächsten Schritt gespannt warten lassen - selbst wenn die eigentliche Aktion dann wieder verpufft und die Worte schon längst beim nächsten assoziativen Thema gelandet sind. Es ist ein feiner Abend, auf den man sich einlassen muss, um ihn zu genießen. Freundlicher, langer Applaus für alle Beteiligten.

(S E R V I C E - Heiner Goebbels: "Liberté d'action" nach Henri Michaux. Musik, Regie, Bühne: Heiner Goebbels. Sounddesign: Willi Bopp, Paul Jeukendrup. Lichtdesign: Heiner Goebbels, Marc Thein. Kostüm: Florence von Gerkan. Mit: David Bennent (Schauspiel, Text), Hermann Kretzschmar und Ueli Wiget vom Ensemble Modern (Klavier). Weitere Aufführungen bei den Wiener Festwochen am 4. und 5. Juni um 19.30 Uhr in der Halle, Museumsquartier, Museumsplatz 1, 1070 Wien. www.festwochen.at)

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