"Altamira 2042"

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Kunst gegen den Ökozid: "Altamira 2042" bei den Festwochen

Wie klingt der Regenwald? Und welche Geräusche macht er, wenn er nicht mehr da ist? Fragen wie diese beantwortet die brasilianische Schauspielerin, Regisseurin und Forscherin Gabriela Carneiro da Cunha in den 90 Minuten ihrer atemberaubenden Performance "Altamira 2042", die in der Halle G im Museumsquartier im Rahmen der Wiener Festwochen Premiere feierte. Ein Abend zwischen Kunst und Aktivismus, der beide Welten vereint.

Die Zuschauer sind dabei von Anfang an mitten drin und nehmen entweder in den auf der Bühne aufgestellten Sitzreihen oder gleich auf dem Bühnenboden Platz. Gleich einer Priesterin verteilt die Künstlerin zehn LED-beleuchtete Lautsprecherboxen, aus denen nach und nach die Geräuschkulisse des Amazonasgebiets dringt. Ein Vogel hier, ein Plätschern da, bis alles zu einer idyllischen Polyphonie verschmilzt. Schauplatz ist die brasilianische Stadt Altamira, die am Amazonas-Nebenarm Rio Xingu liegt. Doch schon nach wenigen Minuten, in der lediglich die Geräusche und die bunten Lichter die Dunkelheit zerschneiden, wird die Lagerfeuerstimmung von Motorsägen, Baggermotoren und lauten Stimmen zerschnitten. Sie sind gekommen, um den Staudamm des Wasserkraftwerks Belo Monte zu bauen, der das Leben der Bewohner (Menschen wie Tiere) seit gut einem Jahrzehnt verändert hat. In dem 2019 veröffentlichten und im Programmheft abgedruckten "Manifest für Amazonien, Zentrum der Welt" ist von "Ökozid" die Rede.

Immer wieder mischen sich Stimmen der Bewohner, die von Flussgeistern und Schlangen berichten, in den akustischen Raum. Inmitten eines bunt blinkenden LED-Bandes entledigt sich Gabriela Carneiro da Cunha ihrer Kleidung, bevor sie nackt zwischen den Zuschauern umherwandelt, um die Geräuschquellen neu zu verteilen. Als ein Film auf die Bühnenrückwand projiziert wird, der die Künstlerin (ebenfalls nackt) bei Tonaufnahmen am Fluss zeigt, schnallt diese sich zwei Lautsprecher um den Kopf und verbreitet so die Legenden der indigenen Bevölkerung auf surreale Art und Weise in stereo.

Dokumentarische Filmaufnahmen der Bauarbeiten des Staudamms und der Auswirkungen auf das Ökosystem bricht die Künstlerin, indem sie sich schließlich einen Beamer um den Kopf schnallt, wodurch sie allein die Kontrolle über die Dynamik des gezeigten Geschehens hat. Wie sehr den Menschen wie den Naturgeistern der Kopf schwirrt, seit das Wasser aufgestaut ist und die Fische - bisher Lebensgrundlage vieler Bewohner - gestorben sind, wird so mehr als nachvollziehbar. Doch es gibt Hoffnung. Der Bau der Mauer wurde immer wieder von Protesten unterbrochen. Und so unternimmt Gabriela Carneiro da Cunha tausende Kilometer entfernt einen erneuten Anlauf, die Mauer zu Fall zu bringen. Dafür rüstet sie das Publikum mit Trommeln, Rasseln und Meißeln aus, bis eine akustische Großdemo entsteht. Am Ende bricht der Damm. Als es dunkel wird, ist allen klar: ein Traum. Und auch ein Zitat, das zuvor auf der Leinwand zu sehen war, kommt in Erinnerung: "Wenn der Fluss reden könnte, würde er weinen. Weil er nicht spricht, leidet er still."

(S E R V I C E - Wiener Festwochen: "Altamira 2042" von Gabriela Carneiro da Cunha in der Halle G im Museumsquartier. Weitere Termine: 26. bis 31. August. Infos und Tickets unter www.festwochen.at)

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