Rene Pollesch stellt die Theaterwelt wieder einmal auf den Kopf

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René Pollesch mit Uraufführung bei den Wiener Festwochen

Dass der designierte Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Koproduktion mit seinem neuen Haus nicht in Berlin, sondern am festwöchentlichen Theater an der Wien aus der Taufe hebt, dürfte im Zuge des allgemeinen Taumelns aus der Coronapause keiner übelnehmen. Mit seinem Gespür für Textakrobatik und Bühnenschauwerte ist Pollesch jedenfalls da, wo er immer war: ziemlich auf dem Punkt, oder zumindest in konzentrischen Kreisen drumherum.

Die mehrfache Drehbühne - der Boden dreht sich, der in einem Metallrund gefasste rotierende Raum dreht sich kopfüber, der Kamerakran dreht seine Runden und projiziert noch weiter Verdrehtes auf Leinwände - erhält Deutungshoheit, als einzige Instanz. Mit ihr dreht, wendet, windet sich der Text von Tiefsinn zu Schwachsinn, von der Schwerkraft fallengelassen in einer unsteten Boden- und Deckensituation.

Einzige feste Bezugspunkte sind die Schauspieler, darunter Pollesch-Fixsterne wie Martin Wuttke oder die titelgebenden Kathrin Angerer. "Sie werden sich fragen, wo sind denn hier die Gewehre?", meint sie gegen Ende des zweiten Drittels zum Publikum. "Darauf kann ich nur sagen, ich weiß es auch nicht." Hätte auch keiner erwartet. Ein Einlösen des Titelversprechens oder eine konsistente Geschichte ist nicht die Währung, die hier zählt. Sondern das Tempo und die Eleganz, mit der ihr wieder und wieder ausgewichen wird.

Dass sich die Theatermacher, die sich als Filmemacher wähnen, den ganzen Abend über nicht einigen können, ob sie nun einen Tanzfilm oder einen Wrestlingfilm machen, sich dabei lieber eine dialogische Suada liefern über das Übel, in wenigen Sätzen beschrieben und als Person in einen kurzen Absatz zusammengefasst zu werden, und zwischendurch verbale Ausflüge in Polizeiakten des 17. Jahrhunderts unternehmen, ist nicht einmal irritierend. Denn bei allen virtuosen Sprechmanövern und geschickt gestreuten Aha-Momenten ist Pollesch vom Text letztlich erstaunlich unabhängig, baut sein Theatererlebnis auf viel körperlicherem Wege: Durch Slapstick beispielsweise. Durch Musik und Tanz und durch das Spiegelkabinett der Kameras und Drehwürmer.

Und so ist dieser vernetzte und in vielfache Richtungen zitierende Theaterabend wohltuend unbeeindruckt von der Pandemie und dem langen Schweigen auf den Bühnen - eine fast lautstarke Vermeidung von Bezügen zum vergangenen Jahr. Einmal, da geht es um Jesu' Dornenkrone, ruft jemand nach "La Corona!". "Ich will aber Ricotta", lautet die Antwort. Damit ist dazu alles gesagt. Breite Zustimmung zu einem klugen, kurzweiligen Abend.

(S E R V I C E - "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" von René Pollesch. Mit Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Marie Rosa Tietjen, Thomas Schmauser, Rosa Lembeck. Weitere Termine am 6., 8. und 9. Juni, 19 Uhr. Wiener Festwochen im Theater an der Wien. www.festwochen.at)

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