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© Bettina Frenzel

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Betrogen

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Eine einfache Geschichte dreier Menschen von Liebe und Betrug – ungewöhnlicherweise vom Ende zurück zum Anfang erzählt.

Emma betrügt ihren Mann Robert mit seinem Freund Jerry. Doch auch sie fühlt sich betrogen, denn Robert schätzt die Freundschaft zu Jerry offenbar mehr als er sie liebt. Und Jerry fühlt sich ebenfalls betrogen, von Emma, denn sie hat durch ihr Geständnis die alte Männerfreundschaft unmöglich gemacht.

Der englische Literaturnobelpreisträger Harold Pinter († 2008) gehört mit seinen mehr als dreißig Stücken (Der Hausmeister, Die Heimkehr, Niemandsland) zu den wichtigsten Theaterautoren der Moderne. Formal eine Komödie, ist Betrogen trotzdem weit vom typischen Boulevardstück entfernt. Die einfachen Dialoge, die kunstvollen Aussparungen bieten einen ebenso humorvollen wie melancholischen Blick auf das Beziehungsleben der noch unerforschten Spezies liebesbedürftiger Stadtbewohner. Diese erste Arbeit der Regisseurin Isabella Gregor an unserem Haus verspricht zudem eine speziell weibliche Sicht der Dinge.

Inszenierung: Isabella Gregor
Bühne: Marcus Ganser
Kostüm: Anna Pollack
Musik: Fritz Rainer
Maske: Gerda Fischer

Es spielen:
Sophie Prusa, Boris Popovic, Leopold Selinger

KRITIK

Betrogen hat uns das Corona-Virus um sechs Theatermonate – doch darauf bezieht sich der Titel dieser neuen Scala-Produktion selbstverständlich nicht. Stattdessen geht es in Harold Pinters Gesellschaftsstück aus dem Jahr 1978 um kleine und große Lebenslügen, Heimlichkeiten, Ehebruch und vor allem Selbstbetrug.
Wenn ein verheirateter Mann mit der Frau seines besten Freundes eine langjährige Affäre unterhält, scheint das ein altes Lust- oder Trauerspielsujet zu sein, doch das ganz Spezielle an Pinters Version ist die raffinierte Erzählweise. Hier wird nämlich alles im Rückwärtsgang vor uns entwickelt: Zu Beginn ist die Affäre zwischen Emma (Sophie Prusa) und Jerry (Boris A. Popovic) bereits seit etlichen Monaten wieder vorüber, und der Mann erfährt bei einem letzten Zusammentreffen mit der Frau ein paar unerwartete Dinge, die er dann in einem Gespräch mit seinem Freund Robert (Leopold Selinger) unbeholfen klären möchte. Überhaupt besteht Pinters Meisterschaft in der Dialogführung: Während sich seine Figuren hinter einem Gespinst aus Phrasen und „Wie geht’s“-Fragen verschanzen, ist es ohnehin viel wichtiger, was sie verschweigen.
Ab nun werden wir meist in Ein- oder Zwei-Jahres-Schritten in die Vergangenheit versetzt, erleben das Ende der Beziehung, ihr allmähliches Erkalten, ihre Blütezeit, zwischendurch erfährt Ehemann Robert die Wahrheit, und ganz zuletzt macht Jerry jener Frau, bei deren Hochzeit er Trauzeuge gewesen ist, eine nicht bloß vor Begeisterung trunkene Liebeserklärung. Für uns als Publikum gewinnt das Stück durch diese rückläufige Struktur eine ganz andere Dimension, da wir sozusagen immer einen Blick in die Zukunft werfen können und somit über Zusatzwissen verfügen, das die jeweilige Szene in ganz anderes Licht tauchen wird.
Außerdem hat sich Regisseurin Isabella Gregor für ihren gelungenen Scala-Einstand eine weitere Besonderheit einfallen lassen, um diesen facettenreichen Text auch optisch angemessen vor uns darzustellen. Es mag sich hier zwar alles um eine Dreiecksbeziehung drehen, doch das von Marcus Ganser konstruierte Bühnenbild ist wunderlich zusammengewürfelt. Es besteht aus vielen bunten kubischen Bauelementen, die sich in jede beliebige Richtung verschieben und wenden lassen. Erst nach ein paar Szenen wird uns plötzlich bewusst, dass wir hier eine gigantische Version von Rubiks Zauberwürfel vor uns haben, der nach Belieben zu und aufgeklappt werden kann und dadurch immer neue Innenräume oder Außenbezirke freigibt. Auch als Rückzugsort kann er dienen, denn falls einmal nur zwei Figuren auf der Bühne sind, bleibt die dritte dennoch sichtbar: Sie hält sich in völliger Abschottung sozusagen hinter Glas im Inneren des Würfels auf.
Jeder der drei Hauptakteure ist praktisch pausenlos gefordert, um die ständig wechselnden Gefühlslagen in all ihren feinsten Nuancen einzufangen. Sophia Prusa meistert als Emma mit Entschlossenheit und Lebensmut ihren schwierigen Balanceakt zwischen zwei Männern, bevor sie dann einen Schlussstrich zieht. Boris A. Popovic reagiert in Jerry Rolle anfangs auf seine angekratzte Selbsteitelkeit mit tragikomischer Befangenheit und legt am Schluss in betrunkenem Überschwang der Angebeteten sein Herz zu Füßen. Leopold Selinger hat als Robert eine Reihe unangenehmer Wahrheiten zu verdauen und wird uns in seiner zweifellos größten Szene in Bewunderung versetzten, wenn er bei einem Restaurantbesuch immer mehr Alkohol in sich hineinschüttet, um in einer Mischung aus unterdrückter Wut und Herzlichkeit mit seinem Freund zu reden. Und obendrein überrascht Leon Lembert als temperamentvoller italienischer Kellner durch einen kurzen aber einprägsamen Gast(haus)auftritt.
Sie alle haben einfach großartig gespielt und wurden vom Publikum daher auch nicht um langanhaltenden Applaus betrogen.

franco schedl