Florentina Holzinger

© Elsa Okazaki

Theater Österreich

Warum fasziniert uns Florentina Holzinger so?

Wenn unter dem Dach des Wiener Volkstheaters ein Helikopter in die Höhe gestemmt wird und sich auf der Bühne langsam ein Wassertank füllt, bereitet sich das Ensemble nicht auf eine drohende Apokalypse vor. Vielmehr wird der Raum für Florentina Holzinger und ihre nackten Tänzerinnen vorbereitet, die vom 17. bis 19. April Holzingers “Ophelia’s Got Talent” zeigen werden.

Das multidimensionale Tanzstück feierte seine Premiere an der Berliner Volksbühne und wird nun auch in Österreich uraufgeführt. Tickets für das Spektakel sind schon seit Veröffentlichung der Spieltermine ausverkauft. Interessierte, die beim Vorverkauf leer ausgegangen sind, können nur hoffen, bei der Wiederaufnahme im Herbst 2023 Karten zu ergattern.

© Nicole Marianna Wytyczak

Keine eindimensionalen Frauenfiguren

Ophelia ertrinkt in Shakespeares “Hamlet” unter tragischen Umständen. War es ein Unfall, war es Selbstmord? Egal. Hauptsache, sie sieht dabei gleichzeitig herzergreifend-traurig und fabelhaft aus. Als “weibliche Inkarnation des Todes” reiht sich Ophelia zu den klassischen Frauenfiguren der Hochkultur, deren Eindimensionalität fast schon körperlich schmerzhaft ist. 

Florentina Holzinger versteht es, so einen Kanon zu unterbrechen und auf den Kopf zu stellen. Ihre Ophelia (in Form der zahlreichen Tänzerinnen) ist ebenfalls eine Frau im Wasser – aber sie ergibt sich dem Nass nicht, sondern spielt damit. Stunting, Martial Arts, Ballett, zeitgenössischer Tanz und Akrobatik: Die Bühne ist für Holzinger ein Labor, in dem sie nach Herzenslust experimentieren kann – und das tut sie am liebsten mit nackten Körpern.

Den Geschlechterrollen entkommen

Mit ihrer Arbeit will die Choreografin Weiblichkeit und Männlichkeit hinterfragen. Und kommt dabei zum Schluss, dass Geschlechterrollen eben auch nur “Rollen” sind, die sich alle überstülpen können, wenn sie Lust drauf haben. Holzinger vertritt dieses Mindset auch im Privaten: In mehreren Interviews verriet sie, sich aufgrund ihres Körperbaus vom Ballett ausgeschlossen gefühlt zu haben. Aus diesem Grund stelle sie das System Ballett in ihren Arbeiten besonders gern auf die Probe.

Wenn ihre Tänzerinnen einen Helikopter besteigen, dann ist das lustvoll gemeint, aber ebenso virtuos getanzt. Und selbst wenn die Körper dabei komplett nackt sind, hat das nichts von sexueller Instrumentalisierung. Es geht um die Selbstermächtigung der Protagonistinnen, die sich –  auf gut Wienerisch – auf der Bühne nix scheiß'n.

Erfrischend echt

Diese nonchalante Einstellung kommuniziert Florentina Holzinger nicht nur im Theater, sondern auch in ihren Interviews. So habe sie in Amsterdam an der School for New Dance Development studiert, weil es “die einzige Schule war, die mich genommen hat”. Auf eine Karriere in einer Tanzkompanie hätte sie zwar “ur Bock” gehabt, aber “für mich waren ja viele Züge schon abgefahren”. Nicht verwunderlich also, dass sie ihren eigenen Stil schließlich im New Yorker Underground fand, wo Sex, Blut und Rock’n’Roll eben dazugehören.

Erfrischend direkt, so lässt sich Holzingers Selbstdarstellung wohl beschreiben – und ihre Stücke ebenso. Dass diese in Wien genauso gut ankommen wie im vermeintlich wilderen Berlin, überrascht die Choreografin nicht, wie sie in einem Standard-Interview nicht: “Mein Publikum in Wien war und ist sehr experimentierfreudig.”

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